Eigentlich dachte ich, ich bekomms mittlerweile ganz gut auf die Reihe. Mit dem Stress. Tja, ich hab vergessen, dass ich einfach nur Ferien hatte. Zwei Wochen für mich und Mathe und selbst die schwerste Aufgabe hat mich nur zum verzweifeln und aufgeben gebracht, aber nicht zum zusammenbruch. Dafür braucht es nur fünf Minuten Schule. Gefühlt reicht es schon, dieses Gebäude zu sehen, zu riechen. Diese Athmosphäre.
Wir haben jetzt für unsere letzte Schulwoche Audioboxen und einen neuen Stundenplan bekommen. Wenn ich durch die Gänge gehe, gehetzt morgens, weil ich immer knapp dran bin, dann fühlt sich das Gebäude mehr wie meine Schule, wie etwas vertrautes an als alle Jahre zuvor. Angekommen. Und gleichzeitig braucht eine Klassenkameradin nur zu erwähnen, dass sie heute mit Deutsch anfängt zu lernen und mir gehts schlecht. Es müssen nur Noten vergeben und Klausuren zurückgeben werden; vollkommen egal, was ich da habe. Ich hatte die ganze Oberstufe nichts schlechteres schriftlich als 7 Punkte und nichts besseres mündlich als 11 Punkte. Wenn ich mich in Wipo anstrenge, sacke ich in Bio ab und andersrum. Es ist logisch, dass ich in Englisch auf keine zwei komme, wenn der Test nur 20% zählt. Wozu einen Test schreiben, wenn der erst ab einem Unterschied von vier Punkten die mündliche Note verändert. Warum den Test nicht 30% zählen, dann hätte ich einen Punkt mehr. Statt eine vier eine sechs als Nachkommastelle, die gerundet wird. Keiner bekommt es mit, wenn ich minutenlang mit den Tränen kämpfe. Ich bin zu gut. Im Täuschen. Ob ich ihn verstehen könnte, fragte mich der Lehrer. Ob er mich verstehen kann, entgegnete ich. Immer runtergezogen durch mündlich. Ja, er sieht mein Problem. Aber er fühlt sich wohl nicht beauftragt, Probleme zu lösen. Und ich mich nicht gezwungen, ihm mein Verständnis zu versichern. Und mich nicht gezwungen sehen, mich für irgendwelche Noten rechtfertigen zu müssen. Zu bedanken. Ich muss mich nicht bedanken für das, was ich verdient habe. Verschiedene Definitionen von verdient.

Musik auf den Ohren, Skillet auf Dauerschleife. Ich höre etwas, Hintergrundmusik, laut genug meine Gedanken zu ersticken. Skillet kann alles ersticken. Jeden Gedanken. Zusammen mit einem guten Buch. Es ist immer ratsam, ein ungelesenes Buch für Kriesensituationen griffbereit zu haben. Darf ich vorstellen: All the light we cannot see, das Papiercover liegt auf dem Bett, das Buch im blanken Einband daneben, Hardcover, 500 Seiten, anspruchsvolles Englisch. Irgendwo Frankreich, ein blindes Mädchen. Irgendwo in Deutschland, ein elternloser Junge. Zweiter Weltkrieg. Der Autor springt in den Zeiten, greift das Ende fast vorweg, erklärt die Umstände der Personen zehn Jahre davor, bevor er wieder das Ende zwischenschaltet. Eine Klangkomposition aus Englisch, gespickt mit deutschen und französischen Wörtern, Sätzen, in den Wortfluss englischer Sätze eingebunden. Details über Details, die Gerüche und Geräusche des blinden Mädchens, das Talent des Jungen, die Einzelteile seines Radios.
Nach drei Stunden lesen und 100 Seiten ist meine Konzentration weg. Dauerbeschäftigung gegen die Tränen. Dauermusikbeschallung. Mindestens zwei Sachen zur Zeit machen. Anstrengend. Werde jetzt auf Serien umsteigen. Eigentlich war Lernen eingeplant: Gut, dass ich in den Ferien was gemacht habe. Fühlt sich nicht so an, als würde ich bis Dienstag überhaupt irgendetwas lernen. Ist egal. Ich kann sogar bei Mathe improvisieren. Fakten erinneren, die ich eigentlich nicht weiß, ausgegraben aus meinem Gehirn. Konzentration. Etwas Kombinieren. Darauf vertraue ich. [und selbst wenns schlief geht: Dann war zwar meine ganze Schulzeit umsonst, weil schriftlich das ist was ich kann & mir Spaß macht- ja irgendwie sogar Mathe- aber dann ist das so. Und das wird sowieso nicht passieren, dafür bin ich selbst ohne lernen zu gut.] Nach dem Abendessen früh ins Bett, und da man sich vor dem Einschlafen nicht beschäftigen kann, mich in den Schlaf heulen. Noch fünf Schultage fühlen sich an eine unerreichbare Ewigkeit. Fünf Tage. Und dann ist das hier alles vorbei.


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